Das Bild von Hans Thoma im Augustinermuseum, ließ mich an das Gedicht von Nelly Sachs denken.
So hab ich es mir vor vielen Jahren, als ich noch kinderlos war, vorgestellt.
Hans Thoma. 1892. Die Engelwolke. Augustinermuseum Freiburg
Chor der Ungeborenen
Wir Ungeborenen Schon beginnt die Sehnsucht an uns zu schaffen Die Ufer des Blutes weiten sich zu unserem Empfang, Wie Tau sinken wir in die Liebe hinein. Noch liegen die Schatten der Zeit wie Fragen Über unserem Geheimnis.
Ihr Liebenden, Ihr Sehnsüchtigen, Hört, ihr Abschiedskranken: Wir sind es, die in euren Blicken zu leben beginnen, In euren Händen, die Suchende sind in der blauen Luft- Wir sind es, die nach Morgen Duftenden. Schon zieht uns euer Atem ein, Nimmt uns hinab in euren Schlaf In die Träume, die unser Erdreich sind Wo unsere schwarze Amme, die Nacht Uns wachsen lässt, Bis wir uns spiegeln in euren Augen Bis wir sprechen in euer Ohr.
Schmetterlingsgleich Werden wir von den Häschern eurer Sehnsucht gefangen- Wie Vogelstimmen an die Erde verkauft Wir Morgenduftenden, Wir kommenden Lichter für eure Traurigkeit.
Nelly Sachs
Chorus Of The Unborn
We unborn ones Already yearning is beginning to shape us The shores of blood open up to welcome us We sink like dew into love Still the shadows of time lie like queries Over our secret.
You lovers, Full of yearning Hark, you who are failing with farewells, We are those whose life is beginning in your eyes, In your hands searching in the blue air – We are those bringing the scent of tomorrow’s dawn. Already your breath draws us in, Bears us down into your slumber Into the dreams, the soil where we are planted, Where our black nurse, the night, Helps us grow Until we are mirrored in your eyes Until we speak into your ear.
Like butterflies Caught by the captors of your yearning – Sold to the earth like birds’ voices – We new-dawn-scented ones, We lights yet to come for your Sadness.
„…. vom Ziele ziehen lassen….“
Wir haben ein Dachfenster, das sich langsam verdunkelt. Aber das scheine nur ich zu bemerken. Ich möchte es putzen…. Immer im Winter. Denn dann stehen dort Pflanzen, die Licht brauchen. Meine Haushaltsleiter ist zu klein, um es auch nur öffnen zu können. Vor ein paar Monaten wurde diese Leiter gerade auf die Straße gestellt, als ich mit dem leeren Fahrradanhänger vom Garten kam. Dachfenster!!! Die beiden, die sie rausgestellt hatten, waren froh – wir waren alle froh. Sie halfen mir, sie zu befestigen und ich konnte sogar damit fahren, wenn auch langsam.
Und dann stand sie „erstmal“ da.
Schnell stellte sich heraus, dass meine auf einen Besenstiel gesteckte „Gummiflitsche“ zu keinem befriedigenden Ergebnis führte.
Also blieb die Leiter da „erstmal“ stehen…
Im Herbst lag dann „das blaue Wunder“ am Straßenrand und brachte das Vorhaben in Erinnerung – leider ebenfalls ohne die nötige Reichweite.
Das Blaue Wunder
Dann gestern ein nächster Schritt
Eine Telekopstange mit einem verstellbaren Kopf!!
Es kann losgehen.
und das Schöne ist, die Leiter war gar nicht nötig… äußerlich nicht. Sie stand nur als Erinnerung da…. Dass ich seit Jahren dieses Fenster putzen, diesen Text schreiben wollte
Seit vielen Jahren begleiten mich folgende Gedanken von Picasso. Sie sind sowohl im Äußerlichen als ich nach innen leuchtende Leitsterne:
„Ich suche nicht – ich finde! Suchen – das ist das Ausgehen von alten Beständen und ein Finden-Wollen von bereits Bekanntem im Neuem.
Finden – das ist das völlig Neue!
Das Neue auch in der Bewegung. Alle Wege sind offen und was gefunden wird, ist unbekannt. Es ist ein Wagnis, ein heiliges Abenteuer!
Die Ungewissheit solcher Wagnisse können eigentlich nur jene auf sich nehmen, die sich im Ungeborgenen geborgen wissen, die in die Ungewissheit, in die Führerlosigkeit geführt werden, die sich im Dunkeln einem unsichtbaren Stern überlassen, die sich vom Ziele ziehen lassen und nicht – menschlich beschränkt und eingeengt – das Ziel bestimmen.
Dieses Offensein für jede neue Erkenntnis im Außen und Innen: Das ist das Wesenhafte des modernen Menschen, der in aller Angst des Loslassens doch die Gnade des Gehaltenseins im Offenwerden neuer Möglichkeiten erfährt.“
Pablo Picasso
In diesem Sinne und
… to be continued
Fundsachen
Noch platt
Klein-Basel
Lag 3 Tage beim Bahnhof, wo ich ihn verloren hatte. Ihn hab ich gesucht… das fällt also unter die Suchsuchsuch-Kategorie. . Ich bin einen halben Tag lang alle Orte nochmal abgefahren. Es ist eine komplett andere Aktivität als die von Picasso proklamierte „Radikale Öffnung in alle Richtungen“.. und lässt mich direkt an Ernst & Heinrich denken…
Es ist allseits bekannt, dass Mundatmung für unseren Organismus gesünder ist als Nasenatmung. Insbesondere im Winter, wenn die Außentemperatur sinkt, spüren wir, dass die Lunge beim Mundatmen kühler wird, als wenn die Luft den längeren und engeren Weg über die Nase nimmt und unterwegs noch für den sprichwörtlich „kühlen Kopf“ sorgt.
Wer sich einigermaßen „im Griff“ hat, kann das im Normalfall tagsüber auch steuern und schrittweise zur Gewohnheit werden lassen,- wenn nicht organische Beeinträchtigungen dies verhindern.
Aber was ist mit nachts?
Da schnarchen, pfeifen, röcheln wir geräuschvoll und aus voller Kehle durch den Mund. Das ist nicht nur eine gesundheitliche Belastung für uns selbst, sondern auch ein emotionaler Stress für diejenigen, die versuchen, neben uns zur Ruhe zu kommen.
Unsere Oma schnarchte fürchterlich und es war für uns Kinder eine Quälerei, wenn wir bei ihr zu Besuch waren und im großen Bett neben ihr einzuschlafen versuchten. Dann schon lieber aufs schmale Sofa im Wohnzimmer ausweichen.
Viele leiden obendrein noch unter diesen berüchtigten Atemaussetzern, – Schlafapnoe, kann auf lange Sicht nicht nur schädlich für das Herz sein, sondern auch zu Beeinträchtigungen im Alltag führen.
Wer alleine schläft, weiß in der Regel nicht, was nachts „so los ist“.
Daher habe ich mir vor einigen Monaten eine Schlaf-App heruntergeladen und mehrere Nächte „gecheckt“. Im Grunde genommen war es nichts anderes als eine Tonaufnahme der Atemgeräusche…. Es war ziemlich ernüchternd…. Mehr als 90% der Zeit: MUNDATMUNG… teils geräuschvoll.
War ich deshalb morgens oft „wie gerädert“?
Seit 3 Monaten klebe ich mir beim Lichtausmachen den Mund zu, nachdem eine befreundete Opernsängerin erzählt hatte, dass sie das schon länger erfolgreich praktiziert.
WHAT?
Mein erster Impuls war: das geht nicht!
Ich werde ersticken!
Ich sterbe in der Nacht!
Oder ich habe klaustrophobische Beklemmungen!Das tut morgens weh, weil die Lippen so empfindlich sind!
Es war einiger Anlauf nötig. Beispielsweise, dass an beiden Seiten des Mundes das Pflaster ein wenig abstand, damit ich es im Schlaf würde abziehen können.
Und das ist am Anfang auch passiert: morgens war das Pflaster weg.
Dass Pflaster und Schere schon auf meinem Kopfkissen liegen, wenn ich schlafen gehe, hat sich auch als hilfreich erwiesen
Mittlerweile schlafe ich entspannt damit durch und ziehe es beim Aufwachen ab. Kann gut sein, dass dadurch noch nebenbei die Durchblutung der Lippen gefördert wird.
Es ist darauf zu achten, ein Pflaster für empfindliche Haut zu verwenden.
Ich nehme derzeit das auf dem Foto abgebildete.
… und brauche weniger Schlaf und die Nase ist auch tagsüber frei.
Wie das in der Erkältungssaison oder etwa mit Lippenherpes gehen kann, wird sich noch zeigen.
Ich werde berichten.
Lasst mir gern eure Erfahrungen, Berichte und ähnliches da.
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SHUT UP
It is well known that breathing through the mouth is healthier for our organism than breathing through the nose. Especially in winter, when the outside temperature drops, we feel that the lungs get cooler when breathing through the mouth than when the air takes the longer and narrower route through the nose and still literally ensures a “cool head” on the way.
Normally we also can control this during the day and gradually make it a habit, unless physical impairments prevent this.
But what about at night?
We snore, whistle, rattle loudly through our mouths. This is not only a health drain on ourselves, but also an emotional drain on those trying to relax next to us.
Our grandmother snored terribly and it was torture for us children when we visited her and tried to fall asleep in the big bed next to her. Then it was better to switch to the narrow sofa in the living room. Many of us also suffer from those notorious breathing pauses - sleep apnea can not only be harmful to the heart in the long run, but also lead to impairments in everyday life.
Those who sleep alone usually don't know what "is going on" at night. That's why I downloaded a sleep app a few months ago and "checked" it for several nights. Basically, it was nothing more than an audio recording of the sounds of breathing…. It was pretty sobering... More than 90% of the time: MOUTH BREATHING... sometimes noisy. Was that why I was often "wrecked" in the morning? For the past 3 months, I've taped my mouth shut when I turn off the light, after an opera singer friend of mine said that she had been doing this successfully for a long time.
WHAT? My first impulse was: that doesn't work! I'm going to suffocate! I die in the night! Or I have claustrophobic anxiety! It hurts in the morning because my lips are so sensitive!
It took some effort. For example, the tape on each side of the mouth was a little bit apart so that I could take it off in my sleep.
And that's what happened at the beginning: in the morning the plaster was gone. The fact that band-aids and scissors are already on my pillow when I go to sleep has also proven to be helpful Now I sleep relaxed and take it off when I wake up. It may well be that this also promotes blood circulation in the lips.
Care should be taken to use a plaster for sensitive skin. I am currently using the one shown in the photo.
….and need less sleep and the nose is also clear during the day. It remains to be seen how this can work in the cold season or with cold sores. I will report. Please let me know your experiences and/ or reports.
Diese Diagnose hatte ich im vergangenen Frühjahr auf dem Weg zum Blutspenden. Mein Blutdruck war bis dahin immer sehr niedrig (so etwa 120/70) gewesen.
Der eilig aufgesuchte Kardiologe war nach der Untersuchung höchst alarmiert und bereitete mich darauf vor, „ab jetzt eben“ regelmäßig Tabletten nehmen zu müssen. Ein Belastungs-EKG sollte seinen Ultraschallbefund mit entsprechenden Daten erweitern. Der Termin dafür sei in 6 Wochen.
Ich lieh mir ein schlichtes Blutdruckmessgerät von meinem Nachbarn, das am Handgelenk misst, erstellte eine Tabelle mit Spalten für morgens und abends und die Uhrzeiten und begann mindestens 2x täglich zu messen und „Buch zu führen“
Am 3. Tag habe ich begonnen abends 1 Liter Mistelkaltauszug anzusetzen und morgens als erstes ein Glas davon zu trinken. Den Rest füllte ich in eine Ginger Ale-Flasche – damit es „normal“ aussieht – und trank ihn im Lauf des Vormittags… die Flüssigkeit hat nach 12 Stunden die Farbe von Ginger Ale und ist jetzt geschmacklich weniger „der Hit“. Damit wollte ich investigativen Fragen zuvorkommen. Ich hatte mir vorgenommen, meinen „kleinen Selbstversuch“ für mich zu behalten. Das bewährte Motto „Gesundheit ist Privatsache“ finde ich nach wie vor attraktiv.
Es gibt Beschreibungen, die empfehlen, die Flüssigkeit nach (!!) dem Absieben leicht zu erwärmen- nicht zu erhitzen. Darauf hab ich verzichtet. Das hätte mir zu lange gedauert und ich hatte Sorge, dass ich nicht konsequent durchhalten würde, wenn es noch eine Hürde am Morgen gäbe.
Bereits nach 2 Wochen begannen sich die Werte zu normalisieren und waren nach 4 Wochen wieder nahezu auf dem früheren Level.
Das Belastungs-EKG lieferte als Ergebnis, dass mein Herz keinen Grund zur Sorge bot und der Blutdruck im normalen Bereich lag.
Inzwischen trinke ich noch 2-3x pro Woche das Mistelwasser.
Was zwischen 5 Finger passt, reicht für 1 Liter kaltes WasserAufstreuen , nicht verrühren12 Stunden über Nacht ziehen lassen„Am Morgen danach“Siebenund nüchtern direkt schluckweise 1 Glas trinken. Den Rest im Lauf des Vormittags
Wohl bekomm‘s!
Schreibt mir eure Fragen, Anmerkungen und Erfahrungen in den Kommentaren
April 23
Nachtrag: vor einem Jahr kam die Diagnose.
Seit einigen Monaten habe ich nun weder Mistel getrunken noch Blutdruck gemessen. Ich hatte diese Testerei einfach satt. Vor einer Woche beim Blutspenden, war der Blutdruck wieder leicht erhöht- oke oke ich fang wieder an! Und dann auch direkt mit Tabelle.
Mai 23
Seit Anfang April 23 trinke ich jeden Morgen 1 große Tasse Mistelkaltauszug quasi in einem Zug runter… vor allem anderen
Ich habe am Anfang 2x täglich, inzwischen nur noch 1x täglich, Blutdruck gemessen
Sowohl Systole als auch Diastole sind deutlich merkbar gesunken
“… und um sich ein Ansehen zu geben, sagte er „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen”
Und damit nimmt für gewöhnlich das Unheil seinen Lauf.
Im Märchen hat die Aufrechterhaltung dieser Lüge einen hohen Preis. Das Kind, die Zukunft werden verkauft.
Was hat das mit dem Thema zu tun?
Viel
Es geht um Vorspiegelung falscher Tatsachen. Ich bin geflüchtet. Hab große Strapazen auf mich genommen, ja sogar mein Leben als Preis eingesetzt. Meine Familie denkt jede Minute an mich, vermisst mich.
Wo ich bin, gehts mir nicht gut. Ich bin abhängig vom Gemeinwohl, arbeite hart für wenig Geld. Es geht mir besser als davor – oder ich muss mir das zumindest immer wieder vorsagen, um damit die Enttäuschung zur Seite zu schieben- aber ich bin weit entfernt vom Erhofften.
Ich bleibe trotzdem
zerstreue vermeintlich aufkommende Zweifel mit Selfies neben makellosen Luxusschlitten vor hell erleuchteten Hochglanzgebäuden oder anderen Objekten der Begierde. „Schaut her. Ich bin angekommen, hab’s geschafft.“ Das ist meine Botschaft an die, die ich zurückgelassen habe und die ich so schmerzlich vermisse.
Ein Zurück ist undenkbar. Es ist eine Frage der Ehre. Ich habe mich auf diesen Pakt eingelassen und muss nun der Schein für die, die ich zurückgelassen habe, wahren, weil sonst der Einsatz – auch meiner Familie- als zu hoch und das Erreichte als zu mager entlarvt werden würde.
Es gibt kein Zurück
Und meine Menschen ziehen an mir . Ich soll Geld schicken, andere aus der Familie bei mir aufnehmen
Es wird Frühling,- so ging’s vor ein paar Monaten los mit dem Versuch, meine Eindrücke aus unseren Begegnungen und kurzen Gesprächen niederzuschrieben. Inzwischen haben wir Ende Juni. Er steht noch da. Jeden Morgen
doch vorab kurz- Ich bin keine Heldin im Schreiben. Ich assoziiere. So passt es für mich im Moment. Vielleicht kommt ja so rüber, worum es mir geht. Es muss einfach jetzt sein.
Kein Obdachloser hat ein Telefon oder Internet, Wasser, Strom.
Würdest du ihm deine Nummer geben? Und du? Würdest du ihn für einen Euro mit deinem Smartphone telefonieren lassen?
Für einen einzigen Anruf nur?
Wenn er eine Nacht auf deiner Schwelle , in deiner Garage, Gartenhütte zubringen muss, weil er die Winternacht sonst vielleicht nicht überleben würde?
Doch zurück!
David – nennen wir ihn David – hat mir gestern gesagt, dass er Ende März weiterziehen wird, – nach einem Jahr. Im Oktober ist er schon mal losgezogen, – in den Süden, zu Fuß und stand 3 Wochen später wieder auf der blauen Radfahrerbrücke.
Abgelöscht, mit dunklem Blick.
Messer am Hals in Stuttgart.
Rassismus nachts auf der Straße in der Schweiz.
Todesangst.
„Ich werde mich dem hier stellen.“
„Der weisse Mann soll lernen, dass es so nicht geht“.
„Ich bin die Brücke. Das ist mein Weg“
… seine Sätze in wohlartikuliertem Hochdeutsch. Kommt er aus Hamburg?
Wenn schon im Winter gestorben werden soll, dann besser hier, – in Freiburg.
Seit Frühling stand er auf der Radfahrerbrücke. Erst dachte ich, „der steht da sicher für irgendeine Studie vom Institut für Sozialwissenschaften“.
Vor ihm stand ein Schild, daneben eine Schale. Ein Obdachloser? Aber er sieht so gar nicht nach einem Obdachlosen aus!
Wie sieht ein Obdachloser – i h soll mensch ohne festen Wohnsitz schreiben, meint meine politisch korrekte Tochter – in meiner Welt aus?
Da stand er morgens zwischen sieben und acht. Warum ausgerechnet hier? Wo nur Radfahrer vorbeikommen. Wer lässt sich von seiner Präsenz, seinem klaren, ruhigen Blick derart berühren, dass er/ sie absteigt? Er fragt dich um eine Entscheidung und aktives Draufzugehen.
So früh bin ich immer derart knapp dran, dass an Absteigen kaum zu denken ist,- jedenfalls rede ich mir das anfangs ein. Ich scheue die Begegnung von Mensch zu Mensch.
Er wirkte.
Ende Mai dachte ich an ihn schon in der Moltkestraße, Ende Juni auf der Kronenbrücke, Anfang September schon zuhause und erst 3 Tage vor seiner Abreise in den Süden hab ich es geschafft, mir morgens einen Fünfeuroschein in die Jackentasche zu stecken.
Es war ein gutes menschliches Gespräch.
Du hast klargemacht, dass du „echt“ bist und deinen Aufbruch für den Winter angekündigt. Drei Tage später warst du weg.
Seit deiner Rückkehr hab ich viel über dich nachgedacht und hatte ich immer einen Schein in der Tasche.
Es ist das Frei-Sein, das Unabhängigsein um jeden Preis, stimmt’s?
Es wurde kälter.
Dann wurden wir ins home office geschickt. Zwischen sieben und acht Uhr war ich nicht mehr auf dem Rad.
Ich traf David nur noch einmal pro Woche. Manchmal sah ich ihn irgendwo in der Stadt.
Nein, sagt er. Er hat keinen warmen Platz, wenn es kalt würde – und es wurde kalt. Ich sah ihn über Wochen nicht mehr.
Wo schläft man draußen bei Minus 15 Grad? Ein quälender Gedanke.
Die gute (???!!!!) Nachricht:
Seine Gitarre hatten mildtätige Menschen bei sich aufgenommen. Diese Temperaturen schaden einem Instrument nämlich.
Ich fragte ihn, was er von mir / von uns braucht. Darauf hat er nicht geantwortet.
Später sagte er „Nichts“
Es begann zu schneien. Ich habe meine Füße in einen elektrischen Fußsack gesteckt und mich gefragt, wo man als Obdachloser seine Notdurft verrichtet, die Zähne putzt, sich wäscht, sich kurz aufwärmt – wenn selbst die EC-Automaten-Vorräume, wo man mal eben Wärme tanken konnte, seit Corona nachts geschlossen sind. Seit Corona ist alles zu, was das Leben erträglich macht.
Jetzt ist die Gitarre wieder da. Die Vögel singen Frühlingslieder. David lächelt. Er hat den Winter überlebt und weiß, dass er endlich weiterziehen kann.
Vielleicht sollten wir ihn anders fragen?
Was können wir ihm anbieten, dass er sein Leben selbstbestimmt und so leben kann, wie das für ihn gut ist?
Wie wär’s, wenn wir ihm unsere Nummer für Notfälle anbieten? Er hätte eine Liste mit Notfallnummern von Menschen- nicht Organisationen – in seinem Rucksack. Nummern für eine Nacht!
Lässt sich das organisieren?
Er braucht nur einen Euro und jemanden, der ihn mit seinem Smartphone telefonieren lässt. Ist das zuviel verlangt?
22. Februar
Er hat diesen Text hier heute gelesen und findet ihn ok
Ein Fehler war drin. Das Messer am Hals war nicht in der Schweiz, sondern schon in Stuttgart, wo er seine Ausrüstung für die Reise deponiert hatte.
Er meint nur, dass er nichts mit Telefonnummern anfangen könne, weil er ja nicht in Freiburg bleiben wird.
Wohin es denn gehen soll, frage ich.
„Ich gehe einfach los“
23.2.
Warum mir der Name David für ihn so gut gefällt?
Vielleicht, weil „der weiße Mann“ ein Goliath ist und herausgefordert werden muss?
Weil David Mut, Gelassenheit und Souveränität ausstrahlt. Weil er zu Kontakt auf Augenhöhe einlädt.
Er trifft deine Stirn
……“Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; – aber auch in ihnen flimmert Zeit. Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt obdachlos die Unvergänglichkeit.“ Rainer Maria Rilke
25.2.
Man kann sich auf ihn verlassen. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, steht er zwischen 7 und 8 dort. Er nennt es „die 1. Schicht“. Dann geht er zu einem anderen Platz. Immer demselben. Gegen 11 kommt er zur Brücke zurück,- einem Platz, den jeder vernünftig Denkende von vornherein ausschließen würde. An einem Radweg! Für ihn funktioniert es. Mit ihm funktioniert es. Gegen Mittag hat er dann frei,- bis zur Nacht.
6. April
jetzt ist David weitergezogen. Er hat genug Geld gespart, um sich eine neue Hose für den Weg nach Süden zu kaufen.
„Am liebsten auf eine Insel. Vielleicht über Schweiz und Südfrankreich“…
Fremdes lassen die Schweizer bekanntlich am liebsten in Form von Geld rein. Hoffentlich sind sie gnädig.
Hätte ich ihm vor Abreise eine Dusche anbieten sollen, wollen, können? Ich hab ihn zum Abschied umarmt. Ich roch nach Weleda und Bioparfum. Er zögerte kurz, als ich ihm meine Umarmung anbot.
Wenn du auf der Straße lebst, wie ist das dann mit Nähe und Zuwendung? Wirst du nicht von vielen wie Luft behandelt? Dematerialisiert? Umarmt wird da nicht.
Es war eine gute, lange Umarmung. Mein Reisesegen, meine Energie auf dem Weg.
…..und meine Telefonnummer hat er mitgenommen, obwohl er überzeugt ist, nicht nochmal einen Winter auf der kalten blauen Brücke in Freiburg überleben zu müssen….. Ich vermisse ihn schon jetzt.
Montag, 12.April 2021
und noch ein Kälteeinbruch. Schneegestöber.
Alles weiß.
Kein David am Morgen zwischen 7 und 8. Wo mag er inzwischen sein? Es berührt mich. Loslassen ist mein Thema.
Da steht er,- lächelt.
Nein. Er ist nicht schon wieder zurück. Es war ihm zu kalt. Bis Mittwoch will er warten. Da gibt es scheinbar neue Vorgaben bezüglich der Grenzen.
Er ist überzeugt, dass alles gut wird…. oder ist? Wir sprechen kurz über Alexis Sorbas und Nikos Kazantzakis, der hier in Freiburg gestorben ist.
„You have your brush, you have your colors, you paint the paradise, then in you go“. Nikos Kazantzakis …. und wie schwer das ist
Freitag, 16. April
David wirkte gestern ratlos. Sein schmales Bündel liegt neben Gitarre, „Obdachlosschild“ und Blechschale. Noch immer keine Zeit für Aufbruch in Sicht. Es sind die Kälte und die verschärften Umstände.
Ich frage, ob er schon an Flieger gedacht hat. Er kann’s nicht leiden,- auch nicht, dass er für die Gitarre einen Extraplatz zahlen müsste.Stimmt das eigentlich noch? Jetzt, wo Abstand Vorschrift ist!
Nach Cádiz kommen! Bloß wie?
Ich grüble anschließend den ganzen Tag darüber, was im Rahmen meiner Möglichkeiten wäre, ihn dabei zu unterstützen. Mitfahrgelegenheit? BlaBla-car?
Als wir uns das nächste Mal sehen, sage ich halb scherzend „schreib doch auf dein Schild: Mfg nach Cádiz gesucht!“
„das wäre dasselbe, wie mit Fliegen. Da wäre ich dann und mir würde der Weg fehlen. Ich will laufen, schrittweise. Drinbleiben.“
Noch ist er da und fragt sich, wohin er eigentlich kann. Überall wo Flüchtlinge sind und unerwünscht sind, hat er aufgrund seiner Hautfarbe schon im voraus schlechte Karten.
Doch hierbleiben?
Heute das Schild für Regen. „das gibt bestimmt ein Foto“. Ja. Gibt es.
Dieses Wochenende will er aufbrechen. Es wird Mai. Vor dem Grenzübertritt in die Schweiz und den damit verbundenen möglichen würdelosen, entwertenden Erfahrungen hat er großen Respekt. Aber er möchte jeden Schritt zu Fuß gehen. Und er will in den Süden.
Alternative?
Ein weiterer Winter auf der Straße
in einem kalten Durchgang in der Nachttime table
es ist eine Entscheidung, so zu leben. Ich komme mehr und mehr dahinter. Als ich ihm erzähle, dass eine Freundin meinte, seine Story könnte vielleicht auch in die lokale Obdachlosenzeitung passen, meint er, dass er sich nicht zu den klassischen Obdachlosen zählt, dass es eine andere Kategorie ist. – Bloß welche? Der Systemaussteiger?
Inzwischen gibt es für ihn neue Perespektiven
hierbleiben möchte er unter keinen Umständen. Dann schon lieber das Angebot einer Gruppe annehmen und zusammen mit ihnen richtig Anfang August weit wegfahren…
weit weg,- das wäre Mexiko gewesen. Als schwarzer Mann auf der Straße zu leben oder Grenzen nach Süden zu überqueren, erschien nach den Vorgesprächen nicht mehr so attraktiv.
Sein ursprüngliches Ziel, die Kanaren, ist wieder in den Fokus gerückt.
Er lächelt
dann blieben noch ein paar Wochen
9.Juli
die langen Dreads sind ab. Er streicht mit der Hand über den kahl geschorenen Schädel. „Sich befreien von Altem, loslassen, bevor es auf die Reise geht“
Wir sprechen darüber, dass es sich besser anfühlt, etwas zu wollen, statt zu müssen. Ich hatte ihm erzählt, dass ich vor10 Tagen eine Eigenbedarfskündigung bekommen habe und wie es mich stresste, innerhalb einer vorgegebenen Zeit was finden zu müssen. Bis ich merkte, dass ich damit in einer negativen, aussichtslosen Energie gefangen war.
Er will auch
Vielleicht schon im August.
und hält uns RassistInnen den Spiegel vor
Schau-Zoo!
google da mal!
heute steht eine kleine 15 auf seinem Schild,- 14 Tage noch, dann will er losziehen.
Für mich sind es auch noch 14. Dann steht der Umzug an.
er wird mir fehlen
count down läuft – er schreibt die Anzahl der verbleibenden Tag auf sein Schild. Am Freitag stellen wir fest, dass er am selben Tag weiterzieht an dem ich umziehe
Und
Weg
War
Er
Um halb acht heute -5. Juli 23- früh kreuzt er wieder meinen Weg.
Er sei seit März zurück in Freiburg. Über ein Jahr hat er in der Schweiz teils verstörende Erfahrungen gesammelt. Er erzählt davon, dass es in der Schweiz und auch in Deutschland keinen geschützten Raum mehr für Obdachlose gibt, dass massenweise Geflüchtete die angestammten Plätze für sich reklamierten und auch massiv aggressiv Schlafplätze streitig machen, teils verstärkt durch Drohgebärden mit Messer.
Er sagt, steht nicht mehr bettelnd auf der Brücke, – das Wort passt nicht , er stand da offen, nicht fordernd und hat dich ruhig angeschaut. Er habe seine Ansprüche nochmal runtergeschraubt, brauche nicht mehr viel zum Leben. Außerdem muss der Winter hart gewesen sein.
Jetzt wartet er weiterhin auf eine Gelegenheit, das Land zu verlassen
diese Frage hatte ich befürchtet. Sie traf mich eben mit voller Wucht. Was antworten? Dort leben Menschen, die ich sehr sehr sehr gerne habe. Es ist ein Ort, an dem ich mich wohl fühle. Wo ich mich erhole, auftanke, neue Ideen bekomme, mich frei fühle, tun und lassen kann, was ich möchte, die Uhr ausziehe, wo ich innerhalb von 2 Minuten im Wasser bin, wo ich Steine berühren kann, die ich gerne spüre, vor allem, wenn sie von der Wärme zu pulsieren scheinen.
….und der 2726 km entfernt ist von da, wo ich lebe.
Fliegen? Ich mochte es nie und möchte es vermeiden.
Im vergangenen Sommer bin ich mit Blabla-Car gereist: 3 Tage mit Auto und Schiff. Bis Ancona, dann 24 Stunden auf der Fähre nach Patras. Nachts im Schlafsack an Deck geschlafen. Dann mit dem Wagen weiter bis Piräus. Dort nachts um 2 auf die Fähre nach Chios, weil das letzte Schiff nach Samos längst weg war. Um 10 Uhr in Chios. Von dort weiter um 15 Uhr nach Samos. Dort angekommen um 18 Uhr.
… zurück bin ich geflogen.
Möchte ich in Samos leben?
Meine Antwort war: „I would like Samos to live in me“
Ich versuche, meine Zeit hier so zu verbringen, dass ich im Kontakt bleibe, mit den Menschen, mit dem Honig, dem Öl, dem Tee, dem süßen Wein, dem Souma, die ich mitgenommen habe ….
und der Musik, die ich während der Abende mit live-Musik aufgenommen habe und die ich höre, wenn die Sonne hier langsam an Kraft gewinnt und wenn meine Sehnsucht wächst, wenn ich das Meer riechen möchte.
Dann stelle ich mich auf meine Wiese, höre und lass mich von der Musik bewegen. Und dann ist es wieder da und ich fühle mich eins mit mir und mit allem.
I was afraid of that question. It just hit me with full force. What can I answer? there live friends that I like very, very, very much. It is a place where I feel comfortable. Where I can relax, recharge „my batteries“, get new ideas, feel free, do whatever I want, take off my watch, where I am in the water within 2 minutes, where I can touch stones that I like to feel – especially when they seem to pulsate with warmth
… .Andit is 2726 km away from where I live.
To fly? I never liked it and want to avoid it.
Last summer I traveled with Blabla-Car: 3 days by car and ship. To Ancona, then 24 hours on the ferry to Patras. Slept on deck at night in a sleeping bag on the floor. Then continue with car to Piraeus. There at 2 am on the ferry to Chios, because the last ship to Samos was long gone. At 10 a.m. in Chios. From there continue at 3 p.m. to Samos. Arrived there at 6 p.m.
… back i took the plane.
Do I want to live in Samos?
My answer was: „I would like Samos to live in me“
I try to spend my time here in a way that I keep in touch with the people, with the honey, the oil, the tea, the sweet wine, the souma that I took with me …
and the live music that I recorded during the evenings and that I hear when the sun is slowly gaining strength here and when my longing grows when I want to smell the sea.
Then I stand on my meadow, listen and let the music move me. And then it’s back and I feel connected with myself and with everything.
…if you have to emigrate and do not know how to settle down again and take new root in a new place, find a piece of land and live with becoming and growing and passing away and becoming and growing..,,
In short- making sense I did it like this. Let’s give refugees a little piece of earth!
Let’s give refugees a little piece of earth! Let them come in contact with earth, plants, growing and harvesting
Work in progress – ich schreib mal los,- bis ich kalte Füsse bekomme.
Hier stehen grüne Tomaten im Trockenen. Die Kartoffeln sind im Keller. Salbeilikör steht in Flaschen im Regal. Viele Gläser mit Zucchini in Knoblauchöl stehen im Schrank. Die südlichen Zimmerpflanzen waren den Sommer über in der Erde, sind wieder in engen kalten Töpfen und warten jetzt auf eine Regenpause, um mit dem Fahrradanhänger – danke dafür, meine lieben Töchter! – zurück ins schützende Haus gebracht zu werden
und mir fehlt das Meer, die Wärme, meine Hände an warmen Steinen, die Temperatur, die mich Eins fühlen lässt mit meiner Umgebung. Musik, die mich berührt und bewegen lässt
ich höre Leonard Cohen,- kryptischer Text:
It’s four in the morning, the end of December I’m writing you now just to see if you’re better New York is cold, but I like where I’m living There’s music on Clinton Street all through the evening
I hear that you’re building your little house deep in the desert You’re living for nothing now, I hope you’re keeping some kind of record
Yes, and Jane came by with a lock of your hair She said that you gave it to her That night that you planned to go clear Did you ever go clear?
Ah, the last time we saw you you looked so much older Your famous blue raincoat was torn at the shoulder You’d been to the station to meet every train, and You came home without Lili Marlene
And you treated my woman to a flake of your life And when she came back she was nobody’s wife
Well I see you there with the rose in your teeth One more thin gypsy thief Well, I see Jane’s awake She sends her regards
And what can I tell you my brother, my killer What can I possibly say? I guess that I miss you, I guess I forgive you I’m glad you stood in my way
If you ever come by here, for Jane or for me Well, your enemy is sleeping, and his woman is free
Yes, and thanks, for the trouble you took from her eyes I thought it was there for good so I never tried
And Jane came by with a lock of your hair She said that you gave it to her That night that you planned to go clear
Sincerely, L Cohen
warum?
weil ich teilen möchte, was mich trifft, berührt und bewegt