Es wird Frühling,- so ging’s vor ein paar Monaten los mit dem Versuch, meine Eindrücke aus unseren Begegnungen und kurzen Gesprächen niederzuschrieben. Inzwischen haben wir Ende Juni. Er steht noch da. Jeden Morgen
doch vorab kurz- Ich bin keine Heldin im Schreiben. Ich assoziiere. So passt es für mich im Moment. Vielleicht kommt ja so rüber, worum es mir geht. Es muss einfach jetzt sein.
Kein Obdachloser hat ein Telefon oder Internet, Wasser, Strom.

Würdest du ihm deine Nummer geben? Und du? Würdest du ihn für einen Euro mit deinem Smartphone telefonieren lassen?
Für einen einzigen Anruf nur?

Wenn er eine Nacht auf deiner Schwelle , in deiner Garage, Gartenhütte zubringen muss, weil er die Winternacht sonst vielleicht nicht überleben würde?
Doch zurück!
David – nennen wir ihn David – hat mir gestern gesagt, dass er Ende März weiterziehen wird, – nach einem Jahr. Im Oktober ist er schon mal losgezogen, – in den Süden, zu Fuß und stand 3 Wochen später wieder auf der blauen Radfahrerbrücke.
Abgelöscht, mit dunklem Blick.
Messer am Hals in Stuttgart.
Rassismus nachts auf der Straße in der Schweiz.
Todesangst.
„Ich werde mich dem hier stellen.“
„Der weisse Mann soll lernen, dass es so nicht geht“.
„Ich bin die Brücke. Das ist mein Weg“
… seine Sätze in wohlartikuliertem Hochdeutsch. Kommt er aus Hamburg?
Wenn schon im Winter gestorben werden soll, dann besser hier, – in Freiburg.
Seit Frühling stand er auf der Radfahrerbrücke. Erst dachte ich, „der steht da sicher für irgendeine Studie vom Institut für Sozialwissenschaften“.
Vor ihm stand ein Schild, daneben eine Schale. Ein Obdachloser? Aber er sieht so gar nicht nach einem Obdachlosen aus!
Wie sieht ein Obdachloser – i h soll mensch ohne festen Wohnsitz schreiben, meint meine politisch korrekte Tochter – in meiner Welt aus?
Da stand er morgens zwischen sieben und acht. Warum ausgerechnet hier? Wo nur Radfahrer vorbeikommen. Wer lässt sich von seiner Präsenz, seinem klaren, ruhigen Blick derart berühren, dass er/ sie absteigt? Er fragt dich um eine Entscheidung und aktives Draufzugehen.
So früh bin ich immer derart knapp dran, dass an Absteigen kaum zu denken ist,- jedenfalls rede ich mir das anfangs ein. Ich scheue die Begegnung von Mensch zu Mensch.
Er wirkte.
Ende Mai dachte ich an ihn schon in der Moltkestraße, Ende Juni auf der Kronenbrücke, Anfang September schon zuhause und erst 3 Tage vor seiner Abreise in den Süden hab ich es geschafft, mir morgens einen Fünfeuroschein in die Jackentasche zu stecken.
Es war ein gutes menschliches Gespräch.
Du hast klargemacht, dass du „echt“ bist und deinen Aufbruch für den Winter angekündigt. Drei Tage später warst du weg.
Seit deiner Rückkehr hab ich viel über dich nachgedacht und hatte ich immer einen Schein in der Tasche.
Es ist das Frei-Sein, das Unabhängigsein um jeden Preis, stimmt’s?
Es wurde kälter.
Dann wurden wir ins home office geschickt. Zwischen sieben und acht Uhr war ich nicht mehr auf dem Rad.
Ich traf David nur noch einmal pro Woche. Manchmal sah ich ihn irgendwo in der Stadt.
Nein, sagt er. Er hat keinen warmen Platz, wenn es kalt würde – und es wurde kalt. Ich sah ihn über Wochen nicht mehr.
Wo schläft man draußen bei Minus 15 Grad? Ein quälender Gedanke.
Die gute (???!!!!) Nachricht:
Seine Gitarre hatten mildtätige Menschen bei sich aufgenommen. Diese Temperaturen schaden einem Instrument nämlich.
Ich fragte ihn, was er von mir / von uns braucht. Darauf hat er nicht geantwortet.
Später sagte er „Nichts“
Es begann zu schneien. Ich habe meine Füße in einen elektrischen Fußsack gesteckt und mich gefragt, wo man als Obdachloser seine Notdurft verrichtet, die Zähne putzt, sich wäscht, sich kurz aufwärmt – wenn selbst die EC-Automaten-Vorräume, wo man mal eben Wärme tanken konnte, seit Corona nachts geschlossen sind. Seit Corona ist alles zu, was das Leben erträglich macht.

Jetzt ist die Gitarre wieder da. Die Vögel singen Frühlingslieder. David lächelt. Er hat den Winter überlebt und weiß, dass er endlich weiterziehen kann.
Vielleicht sollten wir ihn anders fragen?
Was können wir ihm anbieten, dass er sein Leben selbstbestimmt und so leben kann, wie das für ihn gut ist?
Wie wär’s, wenn wir ihm unsere Nummer für Notfälle anbieten? Er hätte eine Liste mit Notfallnummern von Menschen- nicht Organisationen – in seinem Rucksack. Nummern für eine Nacht!
Lässt sich das organisieren?
Er braucht nur einen Euro und jemanden, der ihn mit seinem Smartphone telefonieren lässt. Ist das zuviel verlangt?
22. Februar

Er hat diesen Text hier heute gelesen und findet ihn ok
Ein Fehler war drin. Das Messer am Hals war nicht in der Schweiz, sondern schon in Stuttgart, wo er seine Ausrüstung für die Reise deponiert hatte.
Er meint nur, dass er nichts mit Telefonnummern anfangen könne, weil er ja nicht in Freiburg bleiben wird.
Wohin es denn gehen soll, frage ich.
„Ich gehe einfach los“
23.2.
Warum mir der Name David für ihn so gut gefällt?
Vielleicht, weil „der weiße Mann“ ein Goliath ist und herausgefordert werden muss?
Weil David Mut, Gelassenheit und Souveränität ausstrahlt. Weil er zu Kontakt auf Augenhöhe einlädt.
Er trifft deine Stirn
……“Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; –
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.“ Rainer Maria Rilke
25.2.
Man kann sich auf ihn verlassen. Wenn es nicht gerade in Strömen regnet, steht er zwischen 7 und 8 dort. Er nennt es „die 1. Schicht“. Dann geht er zu einem anderen Platz. Immer demselben. Gegen 11 kommt er zur Brücke zurück,- einem Platz, den jeder vernünftig Denkende von vornherein ausschließen würde. An einem Radweg! Für ihn funktioniert es. Mit ihm funktioniert es. Gegen Mittag hat er dann frei,- bis zur Nacht.
6. April
jetzt ist David weitergezogen. Er hat genug Geld gespart, um sich eine neue Hose für den Weg nach Süden zu kaufen.
„Am liebsten auf eine Insel. Vielleicht über Schweiz und Südfrankreich“…
Fremdes lassen die Schweizer bekanntlich am liebsten in Form von Geld rein. Hoffentlich sind sie gnädig.
Hätte ich ihm vor Abreise eine Dusche anbieten sollen, wollen, können? Ich hab ihn zum Abschied umarmt. Ich roch nach Weleda und Bioparfum. Er zögerte kurz, als ich ihm meine Umarmung anbot.
Wenn du auf der Straße lebst, wie ist das dann mit Nähe und Zuwendung? Wirst du nicht von vielen wie Luft behandelt? Dematerialisiert? Umarmt wird da nicht.
Es war eine gute, lange Umarmung. Mein Reisesegen, meine Energie auf dem Weg.
…..und meine Telefonnummer hat er mitgenommen, obwohl er überzeugt ist, nicht nochmal einen Winter auf der kalten blauen Brücke in Freiburg überleben zu müssen….. Ich vermisse ihn schon jetzt.
Montag, 12.April 2021
und noch ein Kälteeinbruch. Schneegestöber.
Alles weiß.
Kein David am Morgen zwischen 7 und 8. Wo mag er inzwischen sein? Es berührt mich. Loslassen ist mein Thema.
Da steht er,- lächelt.
Nein. Er ist nicht schon wieder zurück. Es war ihm zu kalt. Bis Mittwoch will er warten. Da gibt es scheinbar neue Vorgaben bezüglich der Grenzen.
Er ist überzeugt, dass alles gut wird…. oder ist? Wir sprechen kurz über Alexis Sorbas und Nikos Kazantzakis, der hier in Freiburg gestorben ist.
„You have your brush, you have your colors, you paint the paradise, then in you go“. Nikos Kazantzakis …. und wie schwer das ist
Freitag, 16. April
David wirkte gestern ratlos. Sein schmales Bündel liegt neben Gitarre, „Obdachlosschild“ und Blechschale. Noch immer keine Zeit für Aufbruch in Sicht. Es sind die Kälte und die verschärften Umstände.
Ich frage, ob er schon an Flieger gedacht hat. Er kann’s nicht leiden,- auch nicht, dass er für die Gitarre einen Extraplatz zahlen müsste.Stimmt das eigentlich noch? Jetzt, wo Abstand Vorschrift ist!
Nach Cádiz kommen! Bloß wie?
Ich grüble anschließend den ganzen Tag darüber, was im Rahmen meiner Möglichkeiten wäre, ihn dabei zu unterstützen. Mitfahrgelegenheit? BlaBla-car?
Als wir uns das nächste Mal sehen, sage ich halb scherzend „schreib doch auf dein Schild: Mfg nach Cádiz gesucht!“
„das wäre dasselbe, wie mit Fliegen. Da wäre ich dann und mir würde der Weg fehlen. Ich will laufen, schrittweise. Drinbleiben.“
Noch ist er da und fragt sich, wohin er eigentlich kann. Überall wo Flüchtlinge sind und unerwünscht sind, hat er aufgrund seiner Hautfarbe schon im voraus schlechte Karten.
Doch hierbleiben?



Heute das Schild für Regen. „das gibt bestimmt ein Foto“. Ja. Gibt es.
Dieses Wochenende will er aufbrechen. Es wird Mai. Vor dem Grenzübertritt in die Schweiz und den damit verbundenen möglichen würdelosen, entwertenden Erfahrungen hat er großen Respekt. Aber er möchte jeden Schritt zu Fuß gehen. Und er will in den Süden.
Alternative?
Ein weiterer Winter auf der Straße



es ist eine Entscheidung, so zu leben. Ich komme mehr und mehr dahinter. Als ich ihm erzähle, dass eine Freundin meinte, seine Story könnte vielleicht auch in die lokale Obdachlosenzeitung passen, meint er, dass er sich nicht zu den klassischen Obdachlosen zählt, dass es eine andere Kategorie ist. – Bloß welche? Der Systemaussteiger?
Inzwischen gibt es für ihn neue Perespektiven
hierbleiben möchte er unter keinen Umständen. Dann schon lieber das Angebot einer Gruppe annehmen und zusammen mit ihnen richtig Anfang August weit wegfahren…
weit weg,- das wäre Mexiko gewesen. Als schwarzer Mann auf der Straße zu leben oder Grenzen nach Süden zu überqueren, erschien nach den Vorgesprächen nicht mehr so attraktiv.
Sein ursprüngliches Ziel, die Kanaren, ist wieder in den Fokus gerückt.
Er lächelt
dann blieben noch ein paar Wochen
9.Juli
die langen Dreads sind ab. Er streicht mit der Hand über den kahl geschorenen Schädel. „Sich befreien von Altem, loslassen, bevor es auf die Reise geht“
Wir sprechen darüber, dass es sich besser anfühlt, etwas zu wollen, statt zu müssen. Ich hatte ihm erzählt, dass ich vor10 Tagen eine Eigenbedarfskündigung bekommen habe und wie es mich stresste, innerhalb einer vorgegebenen Zeit was finden zu müssen. Bis ich merkte, dass ich damit in einer negativen, aussichtslosen Energie gefangen war.
Er will auch
Vielleicht schon im August.

und hält uns RassistInnen den Spiegel vor
Schau-Zoo!
google da mal!
heute steht eine kleine 15 auf seinem Schild,- 14 Tage noch, dann will er losziehen.
Für mich sind es auch noch 14. Dann steht der Umzug an.
er wird mir fehlen
count down läuft – er schreibt die Anzahl der verbleibenden Tag auf sein Schild. Am Freitag stellen wir fest, dass er am selben Tag weiterzieht an dem ich umziehe

Und
Weg
War
Er
Um halb acht heute -5. Juli 23- früh kreuzt er wieder meinen Weg.
Er sei seit März zurück in Freiburg. Über ein Jahr hat er in der Schweiz teils verstörende Erfahrungen gesammelt. Er erzählt davon, dass es in der Schweiz und auch in Deutschland keinen geschützten Raum mehr für Obdachlose gibt, dass massenweise Geflüchtete die angestammten Plätze für sich reklamierten und auch massiv aggressiv Schlafplätze streitig machen, teils verstärkt durch Drohgebärden mit Messer.
Er sagt, steht nicht mehr bettelnd auf der Brücke, – das Wort passt nicht , er stand da offen, nicht fordernd und hat dich ruhig angeschaut. Er habe seine Ansprüche nochmal runtergeschraubt, brauche nicht mehr viel zum Leben. Außerdem muss der Winter hart gewesen sein.
Jetzt wartet er weiterhin auf eine Gelegenheit, das Land zu verlassen

